galerie weisser elefant mit first floor & refugium 2

und dem Neuen Problem

Auguststr. 21, 10117 Berlin

Tel.: 030 68237555

Di - Sa 13 - 19 Uhr u.n.V.

 

11.9. - 9.10.2010

Schläfer

Timm Ulrichs & 14 Meisterschüler

mit:

Wiebke Bartsch, Henrike Daum, Magdalena Drebber, Frederik Foert,
Burkhard Fritsche, Carsten Gliese, Birgit Hölmer, Ursula Neugebauer, Rolf Nickel, Saskia Niehaus, Fred Nottebrock, Joachim Schulz,
Max Sudhues, Timm Ulrichs und
Norbert Wilting

Kuratiert von Frederik Foert und Uwe Jonas


ERÖFFNUNG: Samstag, 11. September 2010, 19 Uhr

Pressemitteilung

Anläßlich des diesjährigen 70sten Geburtstages von Timm Ulrichs, einem der einflussreichsten deutschen Konzept- und Aktionskünstler, freuen wir uns die Ausstellung "Schläfer - Timm Ulrichs und 14 MMeisterschüler" präsentieren zu können. Nach Einzelausstellungen in der Galerie Wentrup Berlin, dem Museum Ritter in Waldenbuch und einer kommenden umfassenden Vor- und Rückschau im Sprengel-Museum und dem neuen Hannoveraner Kunstverein im Herbst diesen Jahres, richtet sich das Augenmerk unserer Jubiläumsausstellung unter anderem auf die 33 jährige Lehrtätigkeit von Timm Ulrichs an der Kunstakademie Münster.

Bereits 1961 betitelte sich Timm Ulrichs als erstes lebendes Gesamtkunstwerk und stellte sich selbst in einem Glaskasten aus. Wie kaum ein anderer Künstler hat er seitdem unter regelmäßiger Einbeziehung des eigenen Körpers, die ihn umgebende Welt reflektiert, vermessen und in Position gebracht. Beeinflusst durch die Ausweitung der Kunst auf Dinge der Lebenswelt , im Sinne des Duchampschen Ready-Mades und vor allem der Merzkunst Kurt Schwitters, verfolgt Ulrichs die Anliegen historischer Avantgarden weiter. Konsequenterweise stellt er den eigenen Körper als Kunstmedium und -objekt in den Mittelpunkt seines Schaffens und beschreibt seit den 1960er Jahren diese radikale Verbindung von Leben, Alltag und Körper mit dem Begriff der "Totalkunst". Dabei verwischt Ulrichs bewusst Genregrenzen und arbeitet performativ, installativ, skulptural, multimedial und bildlich.

Von 1972 bis 2005 war Timm Ulrichs Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Münster / Lehrstuhl für Totalkunst. Im Laufe der Jahre durchliefen über 250 Studenten die Klasse des Ideen-Künstlers. Fern von marktstrategischen Überlegungen wurde hier die Prämisse Kunst ist Leben - Leben ist Kunst gelehrt.

(…) Meine Beziehungslosigkeit zum Geld nämlich ist beinahe notorisch und ein "Marktwert" für mich kaum erkennbar; - ja, es mutet an, als entwickelte ich einen besonderen Ehrgeiz, eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen"wahrer Kunst" und der Ware Kunst, zwischen Qualität und Publizität einerseits und deren monetärer Honorierung andererseits zumindest für meinen Fall zu demonstrieren. (…) "Leicht kommt man an das Bildermalen, /Doch schwer an Leute , die's bezahlen" (Wilhelm Busch, Maler Klecksel, 1884, 5 Kap.)

(…) Eine Akademie ist, denke ich, ebensosehr Schule der Kunst wie Schule des Lebens - denn Kunst und Leben sind eins oder sollten es doch sein -, also universal, interdisziplinär, antispezialistisch. Mit anderen Worten: Ihr Spezialgebiet ist alles: Kunst und Leben. Eine durchaus romantische Ansicht und dennoch nicht weniger zeitgemäß, ja vielmehr gerade heute - in Zeiten einer Parzellierung und Partikularisierung aller Lebensbereiche, von Fachmännerei und Schubladendenken - höchst notwendig: "Akademie sollte ein durchaus philosophisches Institut sein: nur eine Fakultät, die ganze Einrichtung zur Erregenung und zweckmäßigen Übung der Denkkraft organisiert" (Novalis, Fragmente, 1800/02). Also gleichsam alles unter einem Hut - wie uns ja auch immer noch ein einziger Kopf als Vorstellungs-Raum genügt. (…)
aus Timm Ulrichs, "Zwischen den Stilen - zwischen den Stühlen"

In einer Auswahl von 14 Meisterschülern und ihrem kollegialen Lehrer präsentieren sich generationsübergreifend in der Ausstellung "Schläfer" 15 höchst unterschiedliche künstlerische Positionen.

(…) Künstler schlafen aktiv. Sie entscheiden, ob sie traumlos schlafen oder schlaflos träumen.
Der Schlaf ist ihr strategisches Instrument zum Blick in Verborgenes oder zur Überwindung der Realität. Auf der anderen Seite aber "schläft ein Lied in allen Dingen ..." und wartet auf Entdeckung und Erweckung durch ein "Zauberwort". (Joseph von Eichendorff)

Auch wenn er unterwegs im Zug verschlafen hatte, kam Timm Ulrichs biblische 33 Jahre immer ausgeschlafen zum Unterricht in die Akademie, denn die Konkurrenz schläft ja auch nicht. Verschlafene Studenten wurden nie unsanft von ihm aufgeweckt, sondern durften ihren eigenen Wach-Schlaf-Rhythmus beibehalten. Die Kunst hat ihm oft den Schlaf geraubt, aber mit schlafwandlerischer Sicherheit hat er sich und seine Studenten innerhalb der Kunst bewegt. Sie lebten Tagträume und arbeiteten mit ihren spezifischen Mitteln am Extemporismus. Sie wurden Ruinenbaumeister, setzten Gegenstände wie von Geisterhand in Bewegung, schufen Lichtgebäude. Ihre Projektionen verursachten Irritationen im Raum und ihnen gelang die Einlösung manch eines romantischen Postulats. Das auf dem Augenlid des "Totalkünstlers" Timm Ulrichs eintätowierte "The End" wird letztlich erst im "Totalschlaf" die eigene Logik vollenden. Vorerst blinzeln und zwinkern Schlafmeister und Meisterschläfer weiter nach allen Regeln der Verstellungskunst: Schönheitsschlaf hellwach!
Anne Frechen, Direktorin Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf
(Meisterschülerin von Timm Ulrichs 1980)


Timm Ulrichs "The End (Eyelid tattoo), 1970/1981, VG Bildkunst, Download (250 dpi)